IOS-NEWSLETTER 
Forschung, Veranstaltungen, Publikationen

Seminarreihe des Arbeitsbereichs Ökonomie am IOS

Zeit: Dienstag, 13.30–15.00 Uhr
Ort: Leibniz-Institut für Ost-und Südosteuropaforschung (IOS); vorerst online via Zoom, Link wird mit den Einladungen verschickt!
Programm

Forschungslabor: „Geschichte und Sozialanthropologie Südost‐ und Osteuropas“

Zeit: Donnerstag, 14–16 Uhr (Lehrstuhl) oder 16–18 Uhr (Graduiertenschule und Leibniz-WissenschaftsCampus)
Ort: WiOS, Landshuter Str. 4 (Raum 017)
Programm

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Leibniz

Zar Ivan IV. Groznyj und das „Unternehmen Schlitte“ – Ein gescheiterter Versuch der Modernisierung Russlands 150 Jahre vor Peter dem Großen?

Bearbeiter: Reinhard Frötschner, M.A.

Das sogenannte „Unternehmen Schlitte“, also der letztlich vergebliche Versuch des gleichnamigen Goslarer Kaufmanns sowie seiner zahlreichen Helfer und Nachfolger, auf Initiative Zar Ivans IV. Groznyj zwischen 1548 und 1582 dem Moskauer Reich im großen Stil Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtung aus dem römisch-deutschen Reich zuzuführen, wurde zu einem der bekanntesten Einzelereignisse in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen der Frühen Neuzeit, dem in den vergangenen rund 150 Jahren zahlreiche Publikationen und auch vereinzelte Quelleneditionen gewidmet wurden.

Umso mehr muss es verwundern, dass die zentrale Frage, die sich im Laufe der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema herauskristallisierte, nämlich ob die politischen Angebote des Moskauer Herrschers an Kaiser Karl V. und das Reich, auf die Hans Schlitte im Rahmen seiner Anwerbungsmission verwies, tatsächlich auf Ivan IV. zurückgehen und womöglich zumindest in Teilen sogar ernst gemeint waren oder aber nur der vom Geschäftssinn und Eigennutz beflügelten Phantasie des Anwerbungsbeauftragten entsprangen, noch immer nicht gelöst ist. Den gegensätzlichen Antworten auf diese Frage entsprechen die grundlegend unterschiedlichen Bewertungen der Person des Hans Schlitte und seines „Unternehmens“. So wird Hans Schlitte entweder als geschickter Diplomat und Vertrauter des Zaren oder als skrupelloser, betrügerischer Abenteurer und Hochstapler gesehen. Analog dazu gilt das „Unternehmen Schlitte“ entweder als zwar am Widerstand Livlands gescheiterter, aber dennoch historisch wichtiger Versuch einer umfassenden Annäherung und Kooperation zwischen dem Moskauer Zartum und dem Reich sowie – daraus folgend – einer politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Öffnung und Modernisierung Russlands eineinhalb Jahrhunderte vor Peter dem Großen oder als historisch irrelevante Episode ohne Bedeutung für ein tieferes Verständnis der politischen und kulturellen Entwicklung des Moskauer Reiches unter Ivan IV.

Diese Gegensätzlichkeit der Forschungsmeinungen wird angesichts der sehr eingeschränkten Quellenbasis, auf der die bisherigen Arbeiten über das „Unternehmen Schlitte“ entstanden, verständlich. Die ausgeprägte Streuung allein schon der bereits bekannten relevanten Quellen auf zahlreiche Archive in mehreren Ländern Europas und der Umstand, dass die wenigsten dieser Quellen in gedruckter Form vorliegen, stellen bislang ein wesentliches Hindernis bei der Erforschung des Themas dar. Umfassende Sichtung, Auswertung und idealerweise auch Edition sowohl der schon bekannten als auch der möglicherweise noch in verschiedenen Archiven zu entdeckenden Quellen sind folglich die Voraussetzung für eine erfolgversprechende erneute wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „Unternehmen Schlitte“, die auch die Lösung der zentralen Frage dieses Forschungsgegenstandes zum Ziel hat.

Erste Schritte auf diesem Weg wurden mit der systematischen Sichtung und teilweise auch Auswertung des relevanten Archivmaterials im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München, im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin-Dahlem, im Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien sowie im Archiv der Hansestadt Lübeck bereits getan. Die hierbei gefundenen Quellen legen die durch weitere Archivforschungen allerdings noch zu überprüfende Vermutung nahe, dass Hans Schlitte durchaus im Auftrag Zar Ivans IV. handelte, und zwar nicht nur, als er „im Westen“ Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtung für die Dienste im Moskauer Reich anwarb, sondern auch, als er die Positionen Kaiser Karls V. und des Reiches bezüglich des Abschlusses einer gegen das Osmanische Reich gerichteten Allianz, der Union von römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche sowie der Anerkennung des Zarentitels des Moskauer Herrschers durch den römisch-deutschen Kaiser sondierte. Weitere Quellenforschungen in Archiven in Augsburg, Dillingen, Schleswig, Stettin und Paris sollen schließlich eine Beantwortung der zentralen Frage zum Forschungsgegenstand „Unternehmen Schlitte“ auf solider Grundlage ermöglichen.

 

Projektergebnisse:

Publikationen:

- Frëčner, Rajnchard [Frötschner, Reinhard], Delo Šlitte, in: Sigismund Gerberštejn: Zapiski o Moskovii. V dvuch tomach. Pod red. A. L. Choroškevič. Tom II: Stat’i, kommentarij, priloženija, ukazateli, karty. Moskva 2008, S. 132–147.

 

Vorträge:

- Reinhard Frötschner: „Novye istočniki o missii Gansa Šlitte. Ob osobennostjach moskovskoj diplomatičeskoj praktiki v seredine XVI v. v evropejskom kontekste“, Vortrag im Rahmen der Internationalen wissenschaftlichen Konferenz „Reprezentacija vlasti v posol’skom ceremoniale i diplomatičeskij dialog v XV – pervoj treti XVIII veka“, Kreml’-Museum Moskau, 21.10.2006.

- Reinhard Frötschner: „Novye svedenija o političeskich i religioznych predstavlenijach pervogo carja Moskovskogo gosudarstva po istočnikam kruga Gansa Šlitte i Vejta Senga v Glavnom gosudarstvennom archive Bavarii v Mjunchene“, Vortrag im Rahmen der Internationalen wissenschaftlichen Konferenz „Inozemcy v Rossii XV – XVII vekov: Zapad – vostok“, Kreml’-Museum Moskau, 25.10.2004.